In meinen Schulungen, Seminaren und Elternbegleitungen treffe ich immer wieder Eltern, die den Gedanken an die Schule vor sich herschieben.
Sie wollen noch nicht an die Schule denken. Oft ist die Autismus Diagnose neu, alles muss erstmal verarbeitet werden. Betroffene Familien wundern sich oft, wenn ich ihnen rate, schon jetzt mit der Schulvorbereitung zu beginnen.
Häufige Reaktionen:
“Mein Kind ist doch noch viel zu klein!”
“Es ist viel zu früh!”
“Ich verstehe nicht warum jetzt?
“Sie spricht sehr wenig, spielt nicht wie andere Kinder. Warum also jetzt schon Schulvorbereitung? Was bringt das?”
Schulvorbereitung ist zu wichtig, um sie aufzuschieben.
Wenn es in der Kita nach vielen Anstrengungen endlich irgendwie läuft, der Alltag voll ist und der Kopf noch viel mehr, rückt Schulvorbereitung oft in den Hintergrund.
Aber während die Eltern durch den Alltag navigieren, kommt das Thema Schule immer näher und wirft viele Fragen auf.
In welcher Schule wird mein Kind gut lernen können?
Ist mein Kind gut vorbereitet, ist es bereit?
Wer bereitet mein Kind eigentlich vor – die Kita, Therapeut:innen?
Was gehört zur Schulvorbereitung?
Was sollte mein Kind können?
Was Kinder wirklich brauchen, ist ein sicherer Übergang
Dein Kind muss keine Checkliste abhaken, um in die Schule zu dürfen. Es geht darum, autistische Kinder für diesen großen Schritt zu stärken. Ihnen den Einstieg in die Schule zu erleichtern, das Gelernte aus der Kita mitzunehmen und dort entfalten zu können.
Wichtig: Auch die Schule sollte möglichst gut vorbereitet sein, um dein Kind willkommen zu heißen.
Der Wechsel in die Schule ist oft herausfordernd. Schon kleine Veränderungen,wie der Wechsel einer Bezugsperson, werfen autistische Kinder manchmal zurück.
Vielleicht geht es plötzlich nicht mehr allein zur Toilette, nimmt nicht mehr an Angeboten teil oder zieht sich zurück. „Es muss sich erst an die neue Begleitung gewöhnen“, heißt es dann. Doch das dauert und in der Zeit gehen viele Möglichkeiten verloren.
Was bedeutet Schulvorbereitung konkret?
Schulvorbereitung ist kein Programm, das du durch arbeiten kannst. Es ist ein individueller Prozess, der viel früher beginnt als viele denken.
Im Mittelpunkt steht:
Beziehung und Bedürfnisorientierung: Was stärkt dein Kind? Wo findet es Halt? Welche Bedürfnisse müssen berücksichtigt werden?
Barrieren im Umfeld erkennen und abbauen: Welche Hindernisse gibt es für dein Kind? Wie können sie beseitigt werden?
Dein Kind besser verstehen und anderen (Lehrer:innen, Schulbegleiter:innen, Therapeut:innen) vermitteln, was es braucht.
Schulvorbereitung beginnt mit dem Erwerb von Basiskompetenzen, die dein Kind stärken und ihm erlauben, den Übergang in die Schule so gut wie möglich zu meistern.
10 Basiskompetenzen , die stärken und vorbereiten:
Barrieren im Umfeld erkennen und abbauen
Regulationsstrategien für Einzel- und Gruppensituationen kennen und anwenden
In Kontakt und Beziehung sein, mit anderen spielen und gemeinsame Aktivitäten erleben
Ich, du und Wir – sich selbst und andere verstehen, Freundschaften entwickeln
Lern- und Handlungsmotivation entwickeln
Bedürfnisorientierte/ autismussensible Lernstrategien kennen und anwenden
Wissen und neue Fähigkeiten erwerben
Hilfsmittel für den Schulalltag kennen und anwenden
Resilienz stärken, trotz Herausforderungen Halt finden
Eltern stärken
Darum ist der Übergang in die Schule für autistische Kinder anders
In Deutschland gibt es einen festen Zeitpunkt für die Einschulung. Für viele autistische Kinder und ihre Familien, ist dieser Übergang ein belastendes Ereignis. Anpassungsprobleme, Ängste und Unsicherheit treten oft schon in der Vorschulzeit auf und erschweren den Schulstart.
Die Kinder werden in kurzen Testsituationen nicht ausreichend verstanden – sie zeigen Unsicherheit, verstehen Aufgaben nicht oder erleben Blockaden. Das Bild aus der Schuluntersuchung passt oft nicht zum Alltag deines Kindes.
Viele autistische Kinder kommen nicht bedürfnisorientiert in ein passendes Schulsetting. Häufig wechseln sie mehrfach die Schule oder besuchen sie nur kurz. Es dauert sehr lange bis ein passender Rahmen gefunden ist.
Schulvorbereitung heißt auch: Barrieren frühzeitig erkennen und abbauen
Eine inklusionspädagogische Perspektive verfolgt das Ziel, individuelle Barrieren zu benennen und zu beseitigen. Barrieren tauchen nicht erst in der Schule auf, sondern beeinflussen die Entwicklung deines Kindes schon viel früher.
Autistische Kinder nehmen kaum an klassischen Schulvorbereitungskursen teil, weil die Bedingungen selten passen: Es fehlen individuelle Arbeitspläne, Rückzugsbereiche oder Hilfsmittel zur Regulation. (White Unicorn e.V.).
Eine inklusive Sichtweise hilft, diese Barrieren früh zu erkennen und abzubauen.
Stärkenorientierung statt Defizitblick
Autistische Kinder sind kompetent und lernbereit, sie haben ihre eigenen Stärken, Begabungen und Interessen. Sie brauchen eine autismusfreundliche Schule mit Rückzugsräumen, klaren Strukturen, Unterstützung bei Gruppenarbeiten und Lernsettings, die ihre Motivation aufgreifen. (Niechzial 2023).
Eltern spielen eine Schlüsselrolle: Sie kennen ihr Kind am besten und können helfen, passende Möglichkeiten für den Abbau von Barrieren zu finden.
Eltern sind die wichtigste Akteure – aber oft fehlt die richtige Unterstützung.
Autistische Kinder brauchen Menschen, die sie verstehen. Sie brauchen Orientierung und Hilfsmittel, die sie in die Schule mitnehmen können.
Beim Schulübergang wird viel von Eltern erwartet. Plötzlich sollen sie wissen, was ihr Kind in der Schule braucht. Sie sollen eine Schule auswählen.
Elter bekommen selten eine ganzheitliche Beratung zur Vorbereitung auf die Schule.
Dafür braucht es Unterstützung von Fachleuten und das Erfahrungswissen der Eltern.
Hier kommen Unterstützerkreise ins Spiel.
Unterstützerkreise sind Netzwerke aus Familie, Fachleuten und anderen wichtigen Bezugspersonen, die Kindern gemeinsam beim Übergang z. B. in die Schule begleiten und stärken. Diese Menschen bringen ihr Wissen und ihre Erfahrungen zusammen, damit niemand allein vor den Herausforderungen steht. Gemeinsam überlegen sie, wie das Kind am besten unterstützt werden kann, damit es sich wohlfühlt und gut mitmachen kann.
Das braucht dein autistisches Kinder konkret für den Schulstart
Menschen, die sie verstehen
Orientierung und Hilfsmittel, die sie in die Schule mitnehmen können
Strukturen aus der Kita, die auch in der Schule weiterhelfen
Offenheit der Schule für individuelle Lernwege und Hilfsmittel
Visualisierte Tagesabläufe, Rituale, frühzeitige Ankündigungen von Veränderungen, konstante Bezugspersonen
Ein gelungener Schulstart beginnt bei der Haltung der Erwachsenen: Autismus ist keine Verhaltensstörung, sondern eine andere Art, die Welt wahrzunehmen. Ziel ist Teilhabe, nicht Anpassung um jeden Preis
Seitz, Simone; Finnern, Nina-Kathrin (2015): Inklusion anschlussfähig machen – Inklusion als gemeinsame Herausforderung für Kindertageseinrichtungen und Grundschule.
Es lohnt sich immer früh zu beginnen
Schulvorbereitung ist ein Prozess voller individueller Schritte. Je früher du beginnst, desto mehr Zeit bleibt, Barrieren zu erkennen, Strukturen zu schaffen und dein Kind zu stärken. So kann dein Kind mit Freude und Selbstvertrauen in die Schule starten.
Du hast Fragen oder brauchst Unterstützung? Melde dich gern, gemeinsam finden wir den passenden Weg!